Karel in Ruanda
Liebe Freunde von FidesCo

Seit dem 27.4. abends bin ich in Ruanda und wieder gibt es das leidige Thema mit Internetproblemen in Afrika… Nur Geduld…  Buhoro, Buhoro, nirgwo rugendo… langsam, langsam, so geht die Reise sagt man in Ruanda

28.04.10 Kigali

Um 5:30 haben mich heute die Vögel mit einem herrlichen Konzert geweckt und da habe ich gewusst: Ich bin in Ruanda.

Gestern bin ich um 04:00 von zu Hause weg und um 19:00 war ich in Kigali. Am Flughafen in Brüssel saß mir ein älterer Herr mit meinem Kinyarwanda Büchlein in der neusten Ausgabe gegenüber. Er hatte die hintere Seite aufgeschlagen und war das Foto des Autors mit mir am vergleichen. „Jaja, ich bin’s“. So sind wir ins Gespräch gekommen. Er war für die SES „Senior Expert Service“  unterwegs, eine Organisation die Rentner für einige Wochen in Entwicklungsländer schickt, um Wissen aus ihrem ehemaligen Beruf ein zu bringen. Er ist Papieringenieur und soll eine Papiertütenfabrik in Kigali auf Vordermann bringen.

In Brüssel habe ich mich auch mit Dominique Robin getroffen. Dominique ist Künstler und hat eine ganz tolle Ausstellung über das Gesundheitszentrum in Conakry gemacht, wo ich erst vor kurzem zusammen mit Mechtild war. Mehr unter http://www.dorobin.com und dann „Le Dispensaire“ anklicken. Hier kann man auch die Ausstellung als pdf downloaden. Jetzt möchte er eine Ausstellung über Straßenkinder machen. Wenn jemand geeignete Räume in Deutschland kennt  (Kunsthallen, Kirchen, Pfarrheime…) bitte melden!

Jean-Baptiste und Elie haben uns mit einem der zwei neuen Pick-ups abgeholt. Diese Fahrzeuge sind ein Geschenk von Unicef, wir haben „nur“ die nicht unerheblichen Importzölle bezahlen müssen. Wir können sie aber dringend gebrauchen, denn dass alte Fahrzeug hatte schon fast 500 000 km.

Um 9:00 Uhr sind wir dann aufgebrochen nach „Sodoma“. Das Viertel Kigalis, wo die ausländischen Lastwagenfahrer  übernachten. Sie suchen sich eine junge Witwe, wo sie „übernachten“ können. Diese Frauen sind meistens bitterarm und prostituieren sich, um ihre Kinder zu ernähren und selbst zu überleben… Sie sterben oft sehr schnell an Aids. Die Kinder bleiben alleine. Die Älteren kümmern sich um die Kleinen. Sie gehen auf die Straße und sammeln Holzkohlereste oder Altmetall um sie zu verkaufen und sich was zum Essen zu kaufen. So bleibt keine Zeit für die Schule. Einige Kinder leben in Banden zusammen.
Geführt hat uns ein ehemaliges Straßenkind, das jetzt Automechaniker ist. Dank des Zentrums. Erst auf den Holzkohlenmarkt, dann auf den Markt von Gikondo. Hier haben wir eine Gruppe Jugendliche getroffen, die nicht von der Straße wegwollen und am Abgleiten in die Kriminalität sind - Drogen und kleine Diebställe. In einem Hinterhof hat Théogène, unser Streetworker probeweise versucht Marihuana zu kaufen. Allerdings ohne Erfolg. In einem kleinen verschlossenen Häuschen haben zwei Straßenkinder am Boden geschlafen. Sie sind durch ein vergittertes Fenster reingekommen, weil ein Gitterstab fehlt. Unser Besuch hat sie aufgeweckt (es war immerhin schon 11 Uhr) und sie haben sich dann mit zirkusreifen Turnübungen durch die kleine Lücke nach draußen geschlängelt. Überall ist die Armut gegenwärtig. Zwei Kinder waren buchstäblich übersät mit Krätze. Ein Straßenkind haben wir getroffen, das einen kleinen Handel angefangen hat. Es hat eine Kartonschachtel mit seiner Ware auf einem Holzgestell und verkauft Bonbons, Streichhölzer, Lutscher, Zigaretten und Kekse. Alles einzeln wohl zu verstehen: Es kauft sich eine Packung und verkauft dann die Einheiten für einen höheren Preis. Ich habe ihm 5 Bonbons abgekauft für 50 Frank (fast 7 Cent). Solche Initiativen muss man ja unterstützen.
Dominique war sehr beeindruckt durch die vielen Begegnungen.

Heute Nachmittag haben wir außerhalb von Kigali, in Gasogi, zwei ehemalige Straßenkinder besucht: Ein Mädchen, Marie Claire Ingabire, das ich voriges Jahr in dem zweiten Straßenkinderhaus im Viertel Nyamirambo getroffen habe. Marie Claire ist seit 6 Monate von der Straße weg und wieder in der Schule. Sie ist 14 Jahre und geht in die 5. Klasse. Ihre Eltern sind tot. Sie hat uns ihr Zeugnis gezeigt: Sie ist die Klassenbeste von 45 Schüler. Sie lebt nun mit ihren 4 Schwestern zusammen. Die älteste Schwester ist mit einem Soldaten verheiratet und hat ein Baby von 10 Monaten. Die Familie ist nicht (mehr) arm, denn sie haben sogar ein Fahrrad.

Nachher waren wir bei Ernest Gakwaya. Ein ehemaliges Straßenkind. Er hat bis 1997 auf der Straße gelebt. Sein Vater ist tot aber er hat eine Mutter. Er ist zwar schon lange von der Straße weg aber er ist, wie sehr viele ehemalige Straßenkinder, immer in Kontakt mit dem Zentrum geblieben. Er hat eine Tomatenzucht angefangen. Die Tomaten verkauft er auf den Märkten der Gegend und mit dem Gewinn hat er auf dem Grundstück seines Vaters  ein Haus gebaut. Einfach, aus getrockneter Erde, aber geräumig. Am 22 Mai wird er heiraten. Den Brautpreis hat er auch selbst verdient.

Heute konnte ich schon viel regeln aber ich habe noch kein Internetzugang. Neuerdings geht hier alles über „wireless sticks“. Irgendwann wird er klappen.

29.04.10

7:00 Seit gestern Nachmittag gibt es kein Wasser. Also lassen wir den Dreck dran. Sonst ist hier alles, im Vergleich zu Guinea, sehr sauber, geordnet und viel  leiser.
Heute Vormittag waren wir  in Mpanda, in der Nähe von Gitarama-Kabgayi, 60 km von Kigali. Die Fahrt hat uns ermöglicht die wunderschöne Regenzeitlandschaft Ruandas zu genießen: Alle Berge sind  grün, die Himmel ist freigewaschen vom Staub und man kann hunderte Kilometer weit sehen. Wir waren in einer technischen Schule, in der 6 Straßenkinder eine Ausbildung zum Maurer, Schreiner, Schlosser, Koch oder Elektriker machen. Wir haben vier der Kinder angetroffen. Eines war krank. Ein anderes hatte die Osterferien im Zentrum verbracht. Nach den Ferien hat es  Geld bekommen um in die Schule zurückzufahren und bis jetzt ist es noch nicht angekommen… wahrscheinlich ist es wieder auf der Straße. Spätestens wenn es ihm wieder schlecht geht, wird es ins Zentrum zurückkommen. Rückschläge gibt es immer wieder. Viele Straßenkinder sind gestört durch das, was sie durchlitten haben. Manche sind auch drogensüchtig und schnüffeln Leim. Die anderen vier haben uns ihre Noten gezeigt: Eines ist Klassenbester von 58 Schülern, ein anderes zweitbester von 88 Schüler. Die anderen beiden waren zwar nicht ganz so gut, aber immerhin noch bei den besseren Schülern.

In der Mittagszeit gab es hier einen echten tropischen Regen. Dadurch konnte ich innerhalb von 15 Minuten vier Eimer Wasser füllen und ich wurde selbst vollautomatisch gewaschen.

Jetzt ist Dominique in die Grundschule mitgefahren. Ich habe unterdessen mit der Buchhalterin zusammengearbeitet, weil ich noch Zahlen für die Sternsingeraktion brauche. In einer halben Stunde habe ich einen Termin mit Benoit, einem französischen FidesCo Volontär der zusammen mit seiner Frau Pauline für ein Jahr im Zentrum arbeiten wird. Sie sind letzte Woche erst angekommen. Benoit wird die Buchhalterin Alida in einem Buchhaltungsprogramm einlernen und die Buchhaltung an europäische Standards anpassen. Pauline hat verschiedene Aufgaben bei den Straßenkindern. Morgen früh geht es nach Butare und Gisagara, in den Süden. Das heißt: Keine Emails mehr bis Montag.

Hier regnet es zum dritten Mal heute, aber es ist warm. Gerade bekomme ich Besuch von fliegenden Termiten: Die Termiten schwärmen etwa zweimal jährlich aus. Irgendwann fallen sie hilflos am Boden und verlieren ihre Flügel. Gegrillt gelten sie als Leckerbissen. Schade, dass ich kein Feuer habe.



02.05.10

Jetzt war ich drei Tage unterwegs und könnte ein ganzes Buch schreiben… wenn es noch nicht so spät wäre.

Ich hatte noch nie so viel Regen in Ruanda wie in den letzten drei Tagen. Auch die Ruander sagen, dass es echt außergewöhnlich ist  alle zwei Stunden einen kräftigen Schauer von eine halbe bis eine Stunde zu haben, und das bei „kühlen“ 20-22 Grad.

Am Freitagmorgen sind wir, Elie, der Direktor des Projektes, Festus, ein Mitarbeiter, Dominique, Frederik, ein Straßenkind und ich aufgebrochen. Ziel: Frederik wieder heimbringen. Er ist fünfzehn und  war von zuhause weggelaufen, weil die Familie seines verstorbenen Vaters behauptet, dass er ein uneheliches Kind sei und ihn deswegen gemobbt hat. Er hat zwei Jahre auf der Straße gelebt, wurde dann von der Polizei aufgepickt und in ein Gefängnis gesteckt. Bei  einem Besuch im Gefängnis ist Elie auf ihn aufmerksam geworden. „Hol mich hier raus, sonst sterbe ich“, hatte der abgemagerte Junge gesagt. Im Straßenkinderzentrum hat er sich erholt und wurde wieder eingeschult. Das Zentrum hat mit seiner Mutter und mit der Familie seines Vaters Kontakt aufgenommen. Die Vermittlung zwischen den Beteiligten war nicht einfach aber am Freitag war es dann soweit, dass Fredrik heim konnte.  Er ist aus Kansi bei Butare. Es ist schon sehr beeindruckend ein Kind heim zu begleiten. Er lebt mit einem Bruder und  seiner Mutter zusammen. Er hat auch noch eine verheiratete Schwester. Die Mutter hat uns gedankt, dass wir ihr ihren Sohn zurückgegeben haben. Sie wohnen in einem kleinen armen Lehmhäuschen, zusammen mit einem Schweinchen… grunz, grunz.

Unterwegs hatten wir schon eine Berufsschule in Ruhango besucht, hier lernen mehrere Straßenkinder Automechaniker.  Auch Irenée ist hier: ich habe ihn schon vor sehr langer Zeit kennengelernt. Er  versagt immer wieder in der Schule, weil er als Straßenkind angefangen hat Leim zu schnüffeln und noch immer abhängig ist.

In Butare haben wir Jean-Baptiste und Jean-Bosco besucht. Zwei Erfolgsstories: Beide ehemalige , schwierige Straßenkinder und jetzt Studenten. Jean-Baptiste studiert im zweiten Jahr Psychologie und Jean-Baptiste hat seinen Bachelor in Psychologie abgeschlossen -  mit besonders guten Noten. Titel seiner Facharbeit: Psychologische Probleme bei ehemaligen Straßenkindern. Er arbeitet jetzt und spart eifrig Geld, denn er möchte seinen Master machen. Kosten: 200 Dollar im Monat. 2000 hat er schon gespart, aber ganz ohne Hilfe wird es wohl nicht gehen. Er hat mir seine Facharbeit geschenkt.

Freitagabend hat Elie Dominique und mich in Gisagara abgesetzt. Hier habe ich früher gearbeitet. Elie und Festus waren am Wochenende bei einer Hochzeit in Butare, 15 km von Gisagara. Mit Dominique bin ich zwei Tage durch Gisagara und angrenzende Hügeln gewandert. Ich habe viele alten Bekannten getroffen und Dominique hat hunderte Fotos gemacht, ohne Übertreibung.. Alleine mindestens 200 von den Häusern. Unsere wichtigsten Instrumente dabei waren unsere Regenschirme, die uns die Schwestern, bei denen  wir übernachtet haben, geliehen hatten.  Die Regenzeitlandschaften sind sehr beeindruckend: Gisagara liegt auf 1800 Metern und von hier aus sieht man nach dem Regen hunderte Kilometer weit.  Es gab auch absolute Bilderbuchregenbögen. Die Erde war aber alles spiegelglatt aufgeweicht, was nachher an Dominiques Hosenboden zu sehen war. Beim Dominique reifen schon die Ideen, wie die Ausstellung über den Straßenkindern werden könnte.

Heute Morgen, um viertel nach 7, auf der Weg zur Messe, kam mein ehemaliger Arbeitskollegen Emmanuel mit dem Krankenwagen aus dem Gesundheitszentrum gefahren um eine schwangere Frau, die unterwegs nicht mehr weiter konnte, im Busch ab zu holen. Ich habe nur einen Moment zu spät geschaltet, sonst wäre ich mitgefahren… später habe ich aber die Mutter mit dem neugeborenen Mädchen in „unserer“ Maternität besucht. Da, wo wir vor dreißig Jahre mit Petroleumlampen  gearbeitet haben, gibt es seit Januar Elektrizität… Irgendwie auch schade, denn wenn demnächst mehr Lampen kommen, wird es nicht mehr möglich sein den herrlichen Sternenhimmel  ohne Lichtverschmutzung zu bewundern.

Um 17:00 hat uns Elie wieder abgeholt. Das Tal zwischen Gisagara und Butare war überschwemmt, wir sind aber mit Vierradantrieb durchgekommen. Um acht waren wir wieder in Kigali. Morgen geht es in den Norden um ein anderes Kind heimzubringen.

Heute haben wir Kolodi Niyonsenga nach Hause gebracht. Er ist 13 Jahre alt, laut seiner Mutter ist er sogar 15, sieht aber aus wie höchstens 11. Seine Eltern leben getrennt. In der Familie seines Vaters  wo er zuerst war, wurde er geschlagen und musste schwer arbeiten. Bei seiner Mutter gab es auch Probleme und anschließend war er noch in einer anderen Familie, wo es auch nicht besser war. Vor einem Jahr ist er nach Kigali abgehauen. 80 km zu Fuß in drei Tagen. Irgendwann wurde er durch die Polizei aufgelesen und ins Gefängnislager für Straßenkinder in Kabuga gesteckt. Hier haben ihn unsere Mitarbeiter vor einigen Wochen rausgeholt. Bei Gesprächen mit seinen Verwandten hat sich rausgestellt, dass es am besten wäre, wenn er zu seiner Mutter geht. Sie wohnt in Remera an dem wunderschönen Luhondosee im Norden Ruandas.  Kaum waren wir weg, noch in Kigali, musste Kolodi schon das erste Mal erbrechen. In eine Apotheke haben wir Etwas gegen Reisekrankheit gekauft. Es ging ihm wirklich nicht gut und ich musste an ein Familienmitglied denken der früher das gleiche Übel hatte (Rate, rate, wer war das?). Ruanda ist sehr schön, aber am allerschönsten ist wohl der Norden. Die Straße Kigali-Ruhengeri steigt sehr steil an, mit einer wunderschönen Aussicht auf das Nyabarongotal, wie aus dem Flugzeug. Kurz vor Remera sieht man dann plötzlich die ganze Kette der Vulkane ganz dicht vor sich. Durch den Regen der vergangenen Tage war die Luft ganz klar und die Aussicht umwerfend. Der höchste Vulkan ist mehr als 4500 Meter hoch. Hier leben auch die letzten Berggorillas der Welt, die ich nie besucht habe, weil mir 750 Dollar für einen Besuch doch zu teuer sind, in einem Land, wo die allermeisten Menschen weniger als 2 Dollar am Tag verdienen. Obwohl es mich natürlich riesig interessieren würde. Dafür kenne ich die Menschen aber umso besser.

Unterwegs hat Elie ein Bußgeld von 50 000 Amafaranga (65 Euro, hier ein Monatsgehalt!) bekommen, weil er statt der neuerdings im ganzen Land erlaubten 60 km/h, 64 km/h gefahren ist! Die Polizei hat nun sogar Radargeräte. Es hat 2,5 Stunden gebraucht um die Formalitäten zu regeln und seinen Führerschein zurück zu bekommen.  Eine richtige Schikane wegen 4 km/h.

Aber zurück zu Kolodi: Erst waren wir mit ihm im „Rathaus“ und der städtische Sozialarbeiter ist sogar mit uns zu Kolodis Mutter mitgefahren. Die Mutter kam mir richtig erleichtert und froh vor, Kolodi noch ein bisschen ängstlich und unsicher. Ab Montag wird er wieder in die Schule gehen: zweite Klasse, weil er die dritte abgebrochen hatte. Seine Mutter hat uns Obst aus dem Garten angeboten: Bananen, Maracuja und Amapera (eine Guavenart). Die Familie, es ist auch noch eine Oma und eine Schwester da, wohnt nur wenige hundert Meter vom Ufer des Sees weg und es war eine sehr schöne Bergwanderung dahin. Anschließend sind wir nach Ruhengeri, wo Elie sein Bußgeld bezahlt hat und ich auf den Markt Maracujas als Nachtisch für unseren 26. Hochzeitstag am Mittwoch gekauft habe. Morgenabend geht es ja wieder heimwärts und ich hoffe am Mittwoch pünktlich zum Mittagessen zuhause zu sein bei der besten Frau der Welt.  Erst habe ich aber noch einen Tag Büroarbeit. Um 19:00 waren wir zuhause, statt wie vorgesehen um 17:00. Jetzt ist es wieder fast 23:00 Uhr und ich höre auf.

Dominique bleibt noch eine Woche,  Morgen werden wir auch besprechen wie er weiter an seine Ausstellung arbeiten kann.

Bis zur nächste Reise!

Ihr

Karel Dekempe