Anna Maria Masur (DE)


Philippines,
Tondo, Manila

Fidesco Volontäre zurück von der Mission am31.08.2016Ausbildungsleiterin

Mein Name ist Anna Maria Masur, ich bin 25 Jahre alt und komme aus der Bayerischen Rhön. Seit Mitte August arbeite ich auf den Philippinen in Manila als Volontärin bei FidesCo.

Ich hatte bereits 2013 das Glück zwei Monate auf den Philippinen zu verbringen und eine kleine Organisation bei ihrer Arbeit mit Kindern und armen Familien begleiten zu dürfen. Die Filipinos sind mir damals so sehr ans Herz gewachsen.

FidesCo hat für mich „Life Project for Youth“ (LP4Y) als lokalen Partner ausgewählt. LP4Y existiert seit 2009 und hat sich die professionelle und soziale Integration von jungen Erwachsenen zwischen 17 und 24 Jahren, die aus extrem armen Verhältnissen kommen, zur Aufgabe gemacht. Die Vision von LP4Y ist, dass diese jungen Menschen fähig sind, großartige Unternehmer zu werden, wenn man ihnen nur ein Lächeln, ein ermutigendes Wort, Raum zum Sich-Entwickeln und Vertrauen schenkt.

Mütter stehen im Fokus bei der Ausbildung in Tondo. Den Sinn, warum wir in unserem Center ausschließlich junge Mütter betreuen, möchte ich kurz erläutern. Man könnte annehmen dass es besser wäre, ein Center für die Väter aufzubauen und diese auszubilden, so dass sie Arbeit finden können und sich die Mütter zu Hause um ihre Kinder kümmern können. Die Gründe, dass dem nicht so ist, sind die Folgenden: Zum einen sind die Beziehungen hier unter den ärmsten der Armen sehr instabil, das heißt, sie gehen oft schnell in die Brüche oder die Frauen haben gar keine festen Beziehungen. Durch ein Center für Männer würde also nicht automatisch die Hilfe bei den Müttern ankommen.

Die Schicksale der jungen Müttersind oft sehr berührend, weil es kaum vorstellbar ist, was die junge Frauen schon alles erlebt haben. Besonders die Geschichte von Jhoann hat mich sehr bewegt. Sie ist damit einverstanden, dass wir ihre Geschichte hier veröffentlichen. Sie können Sie etwas weiter unten lesen:

 

Meine drei Kolleginnen hier im Center sind ebenfalls FidesCo-
Volontärinnen, was das Miteinander wesentlich einfacher macht, da
wir den gleichen Glauben und die gleichen Grundeinstellungen
teilen. Wir fangen jeden Tag kurz nach sechs Uhr mit gemeinsamem Lobpreis
und Gebet an. Ich versuche, auch jeden Tag zur Heiligen Messe zu gehen, da sie eine
wunderbare Quelle der Kraft für mich ist. Häufig besuchen wir die Messe gemeinsam
und nehmen uns auch einige Male pro Woche Zeit zur Anbetung.
Das gemeinschaftliche Gebet lässt uns in der Einheit wachsen und auch
schwierige Situationen oder Konflikte besser meistern, und es stärkt uns im
anspruchsvollen Beginn der Mission.

Die Lebensgeschichte einer Mutter im LP4Y:

“  Mein Name ist Jhoann. Ich bin 17 Jahre alt, lebe in einem Slum namens Happyland in Tondo und habe einen dreijährigen Sohn namens Vincent. Seit April dieses Jahres bin ich in LP4Y im Programm Bloom, weil ich mein Leben verändern und meinem Sohn eine bessere Zukunft bieten möchte.

Jhoann Betanur mit ihrem Sohn Vincent-kl

Meine Kindheit habe ich in einer Stadt südlich von Manila mit meiner Mutter, meinem Stiefvater und meinen vier Geschwistern verbracht. Da ich die Älteste bin, habe ich immer auf meine Geschwister aufgepasst. Meinen leiblichen Vater habe ich nie kennengelernt und auch nie ein Bild von ihm gesehen. Er ist nicht einmal in meiner Geburtsurkunde erwähnt. Mit 13 Jahren habe ich die Schule abgebrochen und stattdessen das Arbeiten angefangen. Der Grund hierfür war meine Mutter, die mich oft und grundlos mit einem Gürtel oder ähnlichem gepeitscht hat.

Mit 14 Jahren hatte ich einen Freund, wurde schwanger und habe meinen Sohn Vincent geboren. Meine Eltern waren sehr wütend darüber und haben mich in keinerlei Hinsicht unterstützt. Im Gegenteil; meine Mutter hat mich von zu Hause rausgeworfen mit den Worten: „Verschwinde, du bist nicht mehr meine Tochter“. In meiner Verzweiflung bin ich zu meinem Freund gezogen, von dem ich mich drei Jahre später getrennt habe, weil er nie Zeit für mich hatte und sich überhaupt nicht mehr für mich interessiert hat.

Kurze Zeit später habe ich Paulo kennengelernt und bin mit ihm nach Manila gezogen. Aber unser Leben war nicht gut; ich stand vor vielen Herausforderungen. Paulo war spielsüchtig und ging jeden Tag wenn er um 17 Uhr nach Hause kam, sofort in eine Spielhölle und blieb dort bis 2 oder 3 Uhr morgens. Er war auch drogenabhängig, aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich wollte mich oft von ihm trennen, aber da ich keinerlei Verwandte oder Freunde in Manila hatte, wusste ich nicht wohin ich gehen könnte und blieb deshalb bei ihm. Zu dieser Zeit habe ich als Verkäuferin in einem Einkaufszentrum gearbeitet. Vier Monate später habe ich die Ausbildung in LP4Y angefangen.
Ich bin wieder schwanger geworden, aber Paulo wollte mir nicht glauben, dass es sein Kind war, wenngleich er es eigentlich wusste. Einmal war er wütend auf mich und hat mich in meinen Bauch geschlagen. Eine Woche später hatte ich eine Fehlgeburt. Anstatt sich um mich zu sorgen hat er mir nur Vorwürfe gemacht, dass ich nicht genügend auf das Baby aufgepasst hätte. Eines Nachts hat er mich rausgeschmissen und mir gesagt, ich solle weggehen, da er kein gemeinsames Kind mit mir habe. Er hat eine Tasche mit meinen Kleidern hinausgeworfen und mich gezwungen mit Vincent vor der Türe zu schlafen. Schließlich konnte ich zu einer anderen Mutter von LP4Y ziehen und habe mich von Paulo getrennt. Aber es ist sehr hart für mich, da ich realisiere, dass ich trotz allem noch Gefühle für Paulo habe. Aber ich habe auch erkannt, dass ich mich um mein eigenes Leben kümmern und viel in LP4Y lernen muss um irgendwann eine bessere Zukunft für mich und meinen Sohn zu haben. In LP4Y habe ich gelernt meinen Träumen Farbe zu verleihen und habe Selbstbewusstsein erworben. Außerdem lernte ich, Verantwortung zu übernehmen und verlässlich zu sein, da ich Kassiererin in Bloom bin.

Zunächst ist mein Ziel den High School Abschluss zu erlangen, was uns durch LP4Y möglich ist. Dann möchte ich eine Call-Center spezifische Ausbildung machen und mich bewerben. Mein Wunsch für die Zukunft ist in Manila zu wohnen aber nicht mehr im Slum in Happyland. Später, wenn ich 40 Jahre alt bin, möchte ich mein eigenes Restaurant eröffnen. Außerdem würde ich gerne das Gitarre spielen erlernen. Für meinen Sohn Vincent wünsche ich mir, dass er zur Schule gehen kann und eines Tages die Möglichkeit hat zu Studieren. Das ist alles, was ich ihm bieten kann, meine Liebe und Bildung. Besonders wünsche ich mir einen guten und fürsorglichen Ehemann, der besser ist als meine letzten Freunde.“

Geschichten wie diese sind keine Seltenheit. Jede einzelne Mutter im Center hat eine andere dramatische Lebensgeschichte. Es ist erschütternd wenn man über all dieses Leid nach und nach erfährt. Gleichzeitig freut es mich, dass die Mütter mir vertrauen und mir ihre Geschichten anvertrauen, wenngleich viele Umstände einem das Gefühl der Ohnmacht vermitteln. Jhoann fasziniert mich. Sie ist unglaublich motiviert bei ihrer Arbeit in LP4Y, möchte wirklich lernen und sich jeden Tag verbessern. Trotz allem Schlimmen, was ihr in ihrem Leben widerfahren ist, ist sie eine sehr ausgeglichene und fröhliche Persönlichkeit. Ihr Sohn Vincent ist ebenfalls sehr faszinierend. Er ist mit dem allerwenigsten zufrieden und kann sich über alles was er sieht freuen. Jedes Mal, wenn ich im Kindergarten vorbeischaue, begrüßt er mich freudestrahlend und streckt mir seine Arme entgegen. Leider wurde bei ihm gerade Verdacht auf Tuberkulose festgestellt.

Bitte unterstützen Sie Annas Mission – folgen Sie diesem Link:

Mission Anna Maria Masur

Spenden Sie für FIDESCO E.V.