Eva STENKAMP (DE)


Madagascar,
Toamasina

Fidesco Volontäre auf Mission am 30.09.2021Ärztin

„Guter Gott, du hast uns in diese Welt gestellt, damit wir sie ein bisschen besser verlassen, als wir sie vorgefunden haben.“ Das möchte ich versuchen“

Unter dieses Motto hat Eva ihre Mission gestellt. Sie hat mit ihrer Arbeit in Madagaskar begommen und sich auch schon ein wenig eingelebt. Hier teilt ihre Eindrücke mit uns:

 

Erster Missionsbericht:

Ankunft in Madagaskar

Am 30. November bin ich geflogen – ein wenig später als geplant. Durch die Covid-Situation war es schwierig, einen Flug zu buchen, sodass unser Abflugtermin immer wieder verschoben wurde. Letztlich habe ich erst einen Tag von meiner Abreise erfahren, dass die Genehmigung für unsere Einreise nach Madagaskar vorliegt, das Ticket konnte ich erst am Morgen des Fluges buchen und schon knapp vier Stunden später war ich unterwegs zum Bahnhof, um mit dem Zug nach Paris zu fahren. Nach den üblichen Problemen mit der Deutschen Bahn kam ich in aller letzter Minute am Flughafen Charles-de-Gaulle an…

Aber: Am Ende saß ich im Flugzeug neben meiner Covolontärin Gabrielle und wir flogen tatsächlich nach Madagaskar!

 

Erster Eindruck

Nach einer fünf-tägigen Quarantäne im Hotel verbrachten wir ein paar weitere Tage in einem Bistumshaus in Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars. Die Stadt hat knapp 1,3 Millionen Einwohner, die Straßen sind voller Menschen, Autos, Rollern, von Männern geschobenen Karren etc. Schon das Überqueren der Straßen war eine Herausforderung für mich und Gabrielle. Als Weiße fallen wir sehr auf, ständig hört man das Wort „Vazaha“, die madagassische Bezeichnung für die Weißen, und wird von vielen Leuten angesprochen. Es gibt auch sehr viele Bettler und gerade wenn Kinder um Geld bitten und einem mit „Madame, j’ai faime“ – Madame, ich habe Hunger – hinterher laufen, geht man mit einem sehr schlechten Gefühl weiter.

 

Die Fahrt nach Toamasina war, gemessen am deutschen Standard, etwas abenteuerlich: Wir sind mit einem alten Minibus gefahren, die Koffer wurden oben drauf befestigt, es gab weder Gurte noch Airbags. Neben Gabrielle und mir saßen darin auch die Fidesco-Volontäre Guillaume und Quitterie mit ihren Kindern Isaure (7 Monate), Alix (2 Jahre) und Brune (4 Jahre). Die Straße war zwar asphaltiert, hatte aber viele große Schlaglöcher, weshalb die Fahrzeuge die Straßenseite wechselten, um diesen auszuweichen. Die Überholmanöver sind oft recht riskant, zumal man wegen der vielen Kurven nicht weit sehen kann. Aber letztlich sind wir sicher angekommen.

 

Unsere Unterkunft

Nach unserer Ankunft in Toamasina sind wir zunächst ins Bistumshaus eingezogen. Wir blieben sieben Wochen dort und aßen mittags und abends gemeinsam mit den dort lebenden Patres, einem Frater und häufig auch mit dem Kardinal. Désiré Tsarahazana ist wirklich ein sehr sympathischer Mann, mit dem man gut und leicht ins Gespräch kommen kann. Auch bei den Nicht-Christen in Toamasina ist er sehr angesehen und beliebt. Er hat ein offenes Herz und Ohr für die Menschen.

Als endlich alles vorbereitet war – und wir stundenlang geputzt und umgeräumt hatten – zogen Gabrielle und ich mit Victoire und Estelle, Volontären einer anderen Organisation, in ein eigenes Haus um.

 

 

Leben in Madagaskar

Das eigene Haus bedeutet mehr Freiheit und Unabhängigkeit für uns – aber auch, dass wir nun selbst kochen und einkaufen und auf weitere Annehmlichkeiten wie warmes Wasser oder WLAN verzichten müssen. Internet ist in Madagaskar allgemein noch sehr schlecht ausgebaut. Stand 2016 hatten weniger als 5 % der Madagassen einen Internetanschluss und auch mit mobilen Daten hat man oft eine schlechte Verbindung. Außerdem ist es, wenn man das durchschnittliche Einkommen berücksichtigt, recht teuer. Sogar fließendes Wasser ist fast ein Luxus, über den viele Madagassen nicht verfügen. Einkaufen gehen die Madagassen fast ausschließlich auf dem Markt, wo es wirklich so ziemlich alles zu kaufen gibt: Obst, Gemüse, Fleisch, Töpfe, Teller, Schreibwaren, Kleidung etc. Supermärkte gibt es zwar auch, aber die Produkte dort sind meist importierte Ware und für viele Madagassen kaum bezahlbar.

 

 

Glaubensleben

Meistens gehe ich sonntags zusammen mit Gabrielle in die Kirche, auch wenn die Messe auf Madagassisch ist. Glücklicherweise ist der Ablauf einer katholischen Messe ja überall gleich. Ein Highlight bisher war eine Pilgerreise der Diözese Toamasina. Dazu sind wir an einem Samstag mit dem Bus ca. 3 Stunden zum Ort Andovoranto gefahren. Begonnen hat das Programm  mit einem etwa 3 km langen Kreuzweg – bei um die 30 °C sehr anstrengend. Auf einem großen Platz – mit dem Meer hinter uns – fand gegen Abend eine Messe statt. Die ganze Nacht über gab es Programm mit Vorstellung/ Tanz der einzelnen Pfarreien auf der Bühne.

 

Doch wer konnte, hat auf demselben Platz dennoch geschlafen: Auf einfachen Strohmatten auf dem Boden, eingeengt zwischen den vielen anderen Leuten. Es ist echt beeindruckend, dass Jung und Alt so pilgern! Die Bedingungen dort waren einfacher als beim Weltjugendtag. Dennoch haben sich alle für die Messe am Sonntag richtig fein gemacht – wir hatten damit nicht gerechnet und fielen deshalb als die einzigen Frauen ohne schicke Kleider noch mehr auf als ohnehin schon!

 

 

Meine Mission

Nach einigen Tagen, die ich zum Ankommen und Kennenlernen der Stadt nutzen konnte, habe ich meine Arbeit im medizinischen Zentrum „Le Bon Samaritain“ (der barmherzige Samariter) begonnen, welches im Januar 2021 feierlich eröffnet worden war. Geleitet wird es von indischen Schwestern der Gemeinschaft der Assisi-Sisters of Mary Immaculate.

Neben den Schwestern, der Ärztin Schwester Jain und der Laborantin Schwester Dona, arbeiten dort ein Krankenpfleger namens Bruel, Julienne, die für die Medikamentenausgabe verantwortlich ist, und vormittags Dr. Melaine, eine madagassische Ärztin. Geöffnet ist es montags bis freitags von 08:00 bis 11:30 Uhr und von 14:30 bis 16:45 Uhr, samstags nur am Vormittag. Neben zwei Konsultationsräumen, einem Behandlungsraum und der Apotheke gibt es dort auch einen „Kreissaal“ und einen Bettensaal.

 

Eine der Hauptaufgaben dort zurzeit ist die Betreuung von Schwangeren. 50 bedürftige Frauen wurden in ein Projekt des Bistums aufgenommen und kommen wöchentlich zu uns, jeden Wochentag eine Gruppe von 10 Frauen. Sie werden regelmäßig körperlich untersucht, werden zu Themen wie Stillen, Hygiene, Alkohol/ Tabak und Schwangerschaft geschult, erhalten Antimalariamittel, Eisentabletten und andere Medikamente, Ultraschall- und Laboruntersuchungen finden statt – alles, was zur Schwangerenbetreuung eben dazu gehört. Zudem bekommen sie Lebensmittel für eine Woche: 14 Becher Reis, 7 Becher getrocknete Bohnen und Ähnliches sowie 0,5 l Öl. Noch werden die Frauen sowohl für die Blutuntersuchungen als auch für die Sonographien zu einem anderen Arzt geschickt, auch wenn die Kosten durch das Projekt übernommen werden. Auch die Geburten finden noch nicht bei uns statt. Das soll sich aber im Verlauf ändern. Momentan ist noch vieles im Aufbau: Bei meiner Ankunft waren die Gebäude für die zukünftige Entbindungsstation noch nicht ganz fertig gestellt. Mittlerweile sind sie gestrichen und nachdem Container mit Material aus Europa angekommen sind, haben wir auch dort einige Betten und Tragen sowie einen Operationstisch, ein C-Bogen zum Röntgen, ein Beatmungsgerät und so weiter. Außerdem stapeln sich im Haus der Ordensschwestern, die direkt beim Krankenhaus wohnen, kistenweise Masken, Handschuhe, Desinfektionsgel, Besucherkittel, es gibt jede Menge Rollstühle, einige Überwachungsmonitore und vieles mehr. Gegen Mitte Oktober wurde mit dem Bau eines Labors begonnen, auch dafür sind Geräte wie eine Zentrifuge angekommen.

  

Vor meiner Ankunft hatte ich mich bereits etwas scherzhaft gefragt, ob ich nicht zunächst einmal mit bauen muss anstatt medizinisch tätig zu sein. Das ist natürlich nicht der Fall – aber ich helfe schon beim Sortieren der Kisten, Auspacken der Geräte, Verteilen der Betten etc. auf die Räume im Krankenhaus oder auch beim Putzen. Ende November wurde das Krankenhaus mit der Entbindungsstation zusammen mit einem Haus für junge Mütter auf dem gleichen Gelände eingeweiht, sodass bis dahin alles ordentlich sein musste.

Die meiste Zeit bin ich aber natürlich im medizinischen Zentrum und begleite die madagassische bzw. am Nachmittag die indische Ärztin bei den Konsultationen und führe Malariatests oder die Untersuchung der Schwangeren durch. Auch bei den Schulungen der Schwangeren bin ich dabei – verstehe aber nur sehr wenig. Sowohl die Frauen als auch die anderen Patienten, die in unser Zentrum kommen, gehören zum armen Teil der Bevölkerung und sprechen nur madagassisch. Madagassisch gehört zu den austronesischen Sprachen und ist als solche beispielsweise mit der Sprache der Philippinen verwandt – mit unserer aber leider gar nicht. Die Sätze beginnen mit dem Prädikat, das Subjekt folgt (in kurzen Sätzen) erst am Ende, es werden sehr häufig Passivkonstruktionen verwendet. Beispielsweise bedeutet „Vidiko ny satroka“ wörtlich übersetzt „gekauft-werden-von-mir“ (= vidiko) der (= ny) satroka (= Hut). Kurzum: Madagassisch ist sehr schwer.

Viele Leute sprechen auch Französisch, die zweite Amtssprache. Mittlerweile sind meine Kenntnisse darin gut genug, um mich unterhalten zu können. Doch um wirklich alleine die Patienten vernünftig behandeln zu können, muss ich auch Madagassisch lernen. Noch übersetzt Dr. Melaine für mich auf Französisch bzw. Schwester Jain auf Englisch. Zumindest verstehe ich mittlerweile anhand einiger Schlüsselwörter, warum die Patienten da sind. Der Wechsel zwischen den verschiedenen Fremdsprachen ist aber nicht immer einfach.

Wie bereits angedeutet, sind unsere Möglichkeiten aufgrund der erst nach und nach eintreffenden Geräte noch eingeschränkt. Bei einer jungen Dame mit einem großem Abszess am Kinn mussten wir uns bei der Behandlung noch ohne Skalpell behelfen, um den Eiter zu entleeren. Wer deutlich angeschlagen ist, wird tagsüber auch per Infusionen in einem der Betten behandelt. Einem Herrn, bei dem wir Malaria festgestellt haben, konnte man wirklich nach den Infusionen und Beginn der Malariatherapie schon nach relativ kurzer Zeit eine deutliche Verbesserung ansehen. Auch der genannte Abszess ist gut verheilt. Es ist schön zu sehen, wenn wir den Leuten wirklich helfen konnten.

 

Weitere Projekte

Neben den bereits erwähnten Frauen kommen noch eher wenige Patienten. Ich bin mir aber sicher, dass das nicht so bleiben wird. Der Zugang zum medizinischen Zentrum soll verbessert werden. An der Auffahrt und einer Haltestelle wird gerade gearbeitet. Mehr Werbung ist auch nötig, damit die Menschen überhaupt wissen, dass sie zu uns kommen können. Für mein Projekt verantwortlich ist Pater Thomas, ein indischer Priester, der bereits seit ca. 25 Jahren in Madagaskar und seit 5 Jahren in Toamasina lebt. Er hat unglaublich viel vor, um den Leuten zu helfen, die wirklich Hilfe benötigen.

Da gibt es zum einen auch das „Maison des filles mères“, das Haus für junge bzw. minderjährige Mütter, welches Ende November eröffnet wurde und wo Anfang nächsten Jahres die Ersten einziehen sollen, um dort gemeinsam zu leben und Nähen, Kochen, Französisch usw. zu lernen, um auf andere Weise als häufig durch Prostitution Geld verdienen zu können.

Ein weiteres Projekt betrifft das Gefängnis von Toamasina, das vollkommen überfüllt ist. Gebaut wurde es für 350 Leute, zurzeit leben dort aber über 1200. Es gibt weder genug Betten noch genug zu essen, die Insassen bekommen nur Maniok, es sei denn, ihre Familien versorgen sie mit Nahrung. Hauptziel des Projektes ist es, mit Hilfe von Anwälten möglichst viele aus dem Gefängnis raus zu bekommen, da die Überfüllung das Hauptproblem ist – einige haben ihre Strafe eigentlich schon abgesessen. Aber auch das alltägliche Leben der Inhaftierten soll verbessert werden, ebenso wie die medizinische Versorgung. Zwei Mal wöchentlich kommt zurzeit ein Arzt für jeweils drei Stunden, was jedoch nicht ausreicht, um alle Kranken zu sehen. Wir werden ab Januar das Team dort unterstützen und ebenfalls Konsultationen durchführen. Geplant ist außerdem einen „mobile Klinik“ zur Impfung gegen Covid 19. Bereits nächste Woche soll ich mit in verschiedene Gemeinden fahren, um die Leute zu impfen.

 

Es kommt also noch einiges an Arbeit auf mich zu. Mit dem Lernen von Madagassisch und Medizin vergehen die Tage ohnehin schon viel zu schnell. Doch ich freue mich sehr auf die nächste Zeit – und bin selbst gespannt, was ich euch/ Ihnen in drei Monaten berichten kann!

 


 

Altere Beiträge:

 

Mein Name ist Eva Stenkamp und bin 28 Jahre alt. Seit zweieinhalb Jahren arbeite ich als Ärztin in der Inneren Medizin im Bocholter Krankenhaus. Ende September habe ich meine Zelte hier abgebrochen und bin nach nach Madagaskar geflogen.

Warum ich weg gegangen bin, liegt zum einen daran, dass ich Lust darauf habe, ein neues Land, eine andere Kultur und andere Menschen kennen zu lernen – und einfach eine gewisse Abenteuerlust. Zum anderen bin ich dankbar dafür, dass ich das Glück habe, unter so guten Umständen aufgewachsen zu sein: Ich durfte studieren, was ich gerne wollte, habe einen sehr guten Job etc.. Wenn ich mal krank bin, kann ich sofort medizinische Hilfe bekommen. Für viele Menschen ist nichts davon selbstverständlich. Vielleicht kann ich ein bisschen von dem, was ich geschenkt bekommen habe, mit anderen teilen. In einem Gebet, das ich schon seit der Schulzeit im Ohr habe, heißt es: „Guter Gott, du hast uns in diese Welt gestellt, damit wir sie ein bisschen besser verlassen, als wir sie vorgefunden haben.“ Das möchte ich versuchen – in Deutschland und für die nächsten zwei Jahre eben in Madagaskar mit Fidesco.

 

„Le bon Samaritain – Der barmherzige Samariter: Ein Medizinisches Zentrum in Toamasina“

Die Erzdiözese Toamasina hat erste Gebäude des das „Catholic Medical Center“ unter dem Namen „BON SAMARITAIN“ bereits im September 2019 eingeweiht. 4 km von der Innenstadt von Toamasina entfernt liegt es im Bezirk Betainomby. In seiner Predigt bei der Einweihung erinnerte Kardinal Tsarahazana daran, dass die Idee der Einrichtung dieses medizinischen Zentrums zur Pflege der Kranken nichts anderes ist als die Erfüllung dessen, was Jesus im Evangelium gesagt hat. Das Zentrums wird viele Gesundheitsprobleme der Bevölkerung von Toamasina, die in extremer Armut lebt, lösen. Die Kongregation der Schwestern „Assisi Sisters of Mary Immaculate – Franziskanerinnen der Unbefleckten Jungfrau Maria“ (ASMI) aus Indien, wird die Leitung des Zentrums übernehmen. Eva wird als Ärztin beim Aufbau des Klinikzentrums mitarbeiten.

 

 

Missionsort. Toamasina, Madagasgar
Mission vor Ort:
Eva: Ärztin

 

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In einem Gebet, das ich schon seit der Schulzeit im Ohr habe, heißt es: „Guter Gott, du hast uns in diese Welt gestellt, damit wir sie ein bisschen besser verlassen, als wir sie vorgefunden haben.“
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